Magnus Schwantje – Die Beziehungen der Tierschutzbewegung zu anderen ethischen Bestrebungen

Magnus Schwantje war ein Schriftsteller, Philosoph, Tierschützer und Pazifist. Sein Gesamtwerk ist sicherlich ein bedeutender Teil der Entstehungsgeschichte der vegetarisch-/veganen Bewegung in Europa. Darüber hinaus hat er sich auch in seinen Reden und Schriften entschieden gegen Antisemitismus, Rassismus und für die Friedensbewegung eingesetzt.
Nachdem die Nazis ihn wegen seiner Funktion im “Bund für radikale Ethik” zunächst festgenommen hatten, floh er letztlich in die Schweiz. 1959 starb er in Oberhausen.

Magnus Schwantje – Die Beziehungen der Tierschutzbewegung zu anderen ethischen Bestrebungen

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Bitte beachtet, dass die Sprache aus dem Jahre 1909 stammt und somit nicht unbedingt eine politisch-korrekte Sprache nach heutigen Ansätzen darstellt.

In Hunderten von Schriften haben wir Tierschützer die Menschheit darauf hingewiesen, dass das Verhalten des Menschen gegen die Tiere einen unermesslichen Einfluss auf sein Verhalten gegen die Mitmenschen ausübt, und dass daher alle Mitarbeiter an den Bestrebungen zur Veredlung der menschlichen Gesittung den Tierschutz fördern sollten. Aber nur sehr selten habe ich in unserer Literatur einen Hinweis darauf gefunden, dass auch umgekehrt das Verhalten der Menschen gegen einander auf die Behandlung der Tiere einwirkt, und dass daher auch wir die Kämpfer gegen Missstände im Zusammenleben der Menschen unterstützen sollten. Zwischen dem Verhalten des Menschen gegen die Tiere und dem gegen die Mitmenschen findet eine gegenseitige Beeinflussung statt; Ungerechtigkeit und Rohheit gegen die Tiere ist nicht nur eine Ursache, sondern oft auch eine Wirkung von Ungerechtigkeit und Rohheit gegen die Menschen. jede ungerechte Ausnutzung wirtschaftlich abhängiger Menschen, jede Verletzung der Rechte der von den Europäern unterjochten anderen Menschenrassen, jedes Unrecht in der Strafrechtspflege, besonders die milde Bestrafung von Kindermisshandlungen und ähnlichen Grausamkeiten, jede Verherrlichung von kriegerischen Taten, die nicht etwa nur ein Akt der Notwehr eines Volkes waren, jeder Fehler und jede Unterlassungssünde bei der Erziehung von Waisen und andern der Fürsorge bedürftigen Kindern, jede dieser und anderer Ungerechtigkeiten und Roheisen wird mit Notwendigkeit auch zu einer Abstumpfung des Mitleids und der Gerechtigkeit gegenüber den Tieren führen.

Der Tierschutz ist meiner Ansicht nach allerdings wichtiger als irgendeine andere Bestrebung unserer Zeit. Die Vivisektion, die Grausamkeitsorgien bei der Jagd, die, oft nur zur Verfeinerung des Wohlgeschmacks des Fleisches ausgeführten, Marterungen der Schlachttiere, die Ausnutzung der Arbeitstiere und zahlreiche andere Tierquälereien sind ein viel empörenderes Unrecht als alle heute üblichen Ungerechtigkeiten gegen Menschen. Schon mit den heute allgemein angenommenen sittlichen Anschauungen der Menschheit steht das Verhalten gegen die Tiere in schroffem Widerspruch. Schon vor der Besserung unserer gesamten Gesittung können wir daher manche bessere Gesetze zum Schutze der Tiere erwirken und Tausende von Menschen zur praktischen Ausübung des Tierschutzes anregen. Aber eine gründliche und dauernde Besserung der Lage der Tiere wird erst möglich sein, wenn auch auf andern Gebieten große sittliche Reformen durchgeführt worden sind; ja, manche der wichtigsten Bestrebungen zum Schutze der Tiere werden den meisten Menschen ganz unverständlich bleiben, solange sie in den heutigen Verhältnissen leben was uns allerdings nicht abhalten darf, schon jetzt auch unsere radikalsten Anschauungen auszusprechen. – Der Tierschutz ist unstreitig das wirksamste Mittel der Menschenveredelung; ohne Tierschutz ist die Erreichung einer hohen Stufe der Gesittung unmöglich. Aber viele Tierschützer machen doch entschieden einen Fehler, wenn sie glauben, dass die Pflege des Tierschutzes allein schon genüge, alle Verhältnisse des Menschenlebens sittlich umzugestalten, und wenn sie den Einfluss der allgemeinen kulturellen Verhältnisse auf die Behandlung der Tiere gar nicht beachten. Aus der Tatsache, dass die Völker, bei denen die freundlichste Behandlung der Tiere üblich war, auf der höchsten Kulturstufe standen, sollten wir nicht einseitig folgern, dass die Pflege der Tierliebe die einzige Ursache der hohen Gesittung war, sondern annehmen, dass auch umgekehrt die Schaffung gerechter sozialer Zustände, die Achtung der Menschenrechte die Tierbehandlung veredelte.

Wir müssen also alle ethischen Vereine als unsere Bundesgenossen betrachten und unterstützen. Freilich kann nicht jeder Mensch an jeder guten Bestrebung teilnehmen. Arbeitsteilung ist notwendig. Es zeugt von großer Einfalt oder von bewusster Ungerechtigkeit, wenn man den Menschen, die ihre Arbeitskraft ganz dem Tierschutz widmen, vorwirft, sie seien menschlichem Elend gegenüber teilnahmslos. Ein jeder muss auf dem Gebiete arbeiten, auf dem er vermöge seiner natürlichen Anlage am meisten wirken zu können glaubt und auf das er durch die äußeren Umstände seines Lebens gedrängt wird. Es muss Tierschutz-Spezialisten geben, wie es Spezialisten für Kinderschutz, für die Bekämpfung des Alkoholismus, für die Friedensbewegung, für soziale Reformen usw. geben muss. Jedoch halte ich es für dringend notwendig, dass die Tierschützer mehr als bisher sich auch andern Vereinen anschließen und insbesondere diejenigen Gesellschaften unterstützen, die sich die Aufgabe gestellt haben, eine Vereinigung der wichtigsten ethischen Bestrebungen, ein besseres gegenseitiges Verständnis der Arbeiter auf verschiedenen Gebieten herbeizuführen, also z. B. die “Humanitarian League” in London und die „Gesellschaft zur Förderung des Tierschutzes und verwandter Bestrebungen” in Berlin.*)

Die persönliche Verbindung der Tierschützer mit den Kämpfern für andere ethische Bestrebungen halte ich für das wichtigste Mittel, unserer eigenen Bewegung neue eifrige Mitarbeiter zu gewinnen. In den Vereinen zur Bekämpfung der vorhin aufgezählten und anderer Missstände wirken zahlreiche geistig und sittlich hochstehende Menschen, die schon unsere Gesinnungsgenossen sind und die nur einer kleinen Anregung bedürfen, um auch unsere Mitarbeiter zu werden. Ferner finden wir in diesen Vereinen tausende, die jetzt zwar, weil sie das psychische Wesen der Tiere und deren jetzige Notlage nicht kennen, den Tierschutz für unwichtig oder gar für eine Kräfteverschwendung halten, aber unsere Anschauungen vorurteilsfrei prüfen werden, wenn sie sehen, dass wir ihre Bestrebungen verständnisvoll fördern. Das unsinnige, aber unsere Bewegung sehr hemmende Vorurteil, dass die Tierschützer menschlichen Leiden gegenüber gefühllos seien, kann nur dadurch ausgerottet werden, dass zahlreiche Tierschützer sich auch auf anderen Gebieten des sittlichen Strebens auszeichnen und dass viele Tierschutzvereine auch andere ethische Gesellschaften durch Verbreitung ihrer Flugblätter und auf andere Weise fördern. Wenn die andern Vereine eine dankbare Gesinnung gegen uns liegen, weil wir sie gefördert haben, so werden sie auch unsere Redner in ihren Versammlungen sprechen lassen, unsere Aufsätze in ihre Zeitschriften aufnehmen und unsere Flugblätter verbreiten.

Ich werde nun einige der Gründe angeben, aus welchen wir meiner Meinung nach insbesondere die Friedensgesellschaften, die Vereine für soziale Reformen, für Bekämpfung des Alkoholismus, für Strafrechtsreformen, für Erweiterung der Frauenrechte, für Kinderschutz, für Erziehungsreformen und für Veredlung der Lebensweise unterstützen sollten; auch werde ich einige Gedanken aussprechen, die wir in diesen Vereinen, sowie in christlichen, theosophischen und monistischen Vereinen vertragen sollten, um ihre Mitglieder zur Unterstützung unserer Bestrebungen anzuregen.

Vor allem müssen wir darnach trachten, alle Mitarbeiter an der Hebung der Gesittung davon zu überzeugen, dass die Quelle aller Moral das Mitgefühl ist: die Fähigkeit, das Leid und das Glück anderer Wesen als sein eigenes zu fühlen.

Die heute, besonders in Deutschland, durch den Einfluss Nietzsche’s, weit verbreitete Verachtung des Mitleids, die Ansicht, dass Mitleid und Gerechtigkeitsgefühl wesentlich von einander verschieden seien und dass ein lebhaftes Gerechtigkeitsgefühl ohne Mitleid bestehen könne, die Ansicht, dass das Mitleid etwas Unnatürliches, ein Zeichen der Schwäche und der Entartung sei, diese unsinnigen Ansichten zu bekämpfen müssen wir als eine unserer Hauptaufgaben betrachten. Ein Mensch, dem die Leiden und die Freuden anderer Wesen gleichgültig sind, kann doch keinen Antrieb fühlen, die Rechte anderer Wesen zu schonen und zu schützen. Der Ursprung des Gerechtigkeitsgefühls ist also das Mitleid. Das Mitleid ist keine Schwäche, sondern die Quelle alles heldenhaften Opfermutes. Wenn es uns gelingt, die Erkenntnis zu verbreiten, dass die Quelle aller Moral das Mitleid ist, so können wir unsere Mitmenschen auch leicht davon überzeugen, dass die Tierschutzbewegung die Menschheit einem höheren Ziele zuführen will, als irgend eine andere Bewegung. Denn der Tierschutz ist die radikalste Betätigung des Mitleids; wer die Leiden der unter ihm stehenden Wesen mitfühlt, wird in der Regel ebenfalls von den Leiden der ihm gleichstehenden bewegt; mit der Anerkennung des Rechtes der Tiere auf Befreiung von allem Leid, das wir ihnen, ohne uns selber ein grösseres Leid zuzufügen, ersparen können, ist schon die Anerkennung des selben Rechtes der Menschen ausgesprochen. Wer die Sklaverei der Menschen, die er als niedrigere Rassen betrachtet, verurteilt, erkennt damit auch das Recht der Weißen auf Freiheit an; wenn wir den Staat dazu bewegen, die Misshandlung und Vernachlässigung der mit sittlichen, geistigen und körperlichen Gebrechen geborenen Kinder von Verbrechern und Trinkern zu verhüten, so wird der Staat nicht umhin können, auch den nicht mit solchen Fehlern belasteten Waisenkindern eine liebevollere Erziehung zu geben. Und so wird auch die Anerkennung des Rechtes der unter uns stehenden Wesen die Achtung vor den Menschenrechten vergrößern.

Unsere Gegner wenden gegen unsere Bestrebungen ein, dass das Unrecht, das heute an Menschen verübt wird, größer sei und daher eher bekämpft werden müsse als die Tierquälerei. Diese Ansicht zeugt von einer falschen Vorstellung von dem psychischen Wesen der Tiere, insbesondere von dem Grade ihrer Leidensfähigkeit, oder auch von Unkenntnis der heute üblichen Tierquälereien. Selbst wenn wir aber zugeben müssten, dass die Leiden der Tiere viel geringer seien als die, welche wir von unseren Mitmenschen abwenden können, so dürften wir doch nicht dem Tierschutz eine geringere moralische Bedeutung zuerkennen. Denn die kleinen Fehler sind die Ursachen der grossen; Laster und Verbrechen können wir am besten verhüten durch Bekämpfung derjenigen üblen Sitten und Gewohnheiten, welche die meisten Menschen noch als harmlos betrachten. Je mehr sich die sittlichen Anschauungen freihalten von kleinen Zugeständnissen an das Böse, um so weniger ist die Menschheit in Gefahr, in grosse Fehler zu verfallen. Mit andern Worten heisst das: eine Sittenlehre ist um so wertvoller, je radikaler sie ist. Wer das Mitleid als die Quelle der Gerechtigkeit erkennt, muss also zu allererst danach trachten, diejenigen Grausamkeiten, die der Mensch als harmlos anzusehen neigt und auf die er daher am ehesten, schon in der Kindheit, verfällt: nämlich die Tierquälereien zu bekämpfen. Wenn die Tiere auch so niedrige, so wenig leidensfähige Wesen wären, dass die Tierquälerei an sich nur ein kleines Übel wäre, so dürfte der Tierschutz doch nicht auf spätere Zeiten verschoben werden, weil der Mensch, wenn er an irgend eine Grausamkeit sich gewöhnt, auch zu schlimmeren Grausamkeiten übergeht. Wenn er die Erzeugung irgend eines unnötigen Leides duldet, so stumpft er durch dieses Zugeständnis an das Unrecht seine ganze sittliche Empfindung ab. Ein deutsches Sprichwort sagt: „Wenn man dem Teufel den kleinen Finger reicht, so nimmt er sogleich die ganze Hand”. Und deshalb ist die Tierschutzbewegung die höchste und heiligste Bewegung der letzten Jahrtausende, weil sie die Menschheit mahnt, nicht dem Teufel der Grausamkeit den kleinen Finger zu reichen.

Hätte nicht in den ersten Jahrhunderten des Christentums aus Ursachen, die hier nicht untersucht werden können die Ansicht, dass das Verhalten des Menschen gegen die Tiere moralisch gleichgültig sei, grosse Ausbreitung erlangt, so wären den christlichen Völkern gewiss die meisten Grausamkeiten des Mittelalters und der ersten Jahrhunderte der Neuzeit erspart geblieben. Eine der größten und erfolgreichsten Bewegungen unserer Zeit, die Bekämpfung des Alkoholismus, hat ihren großen Fortschritt hauptsächlich ihrer Taktik zu verdanken, sich weniger um die Heilung von Trunksüchtigen als um die Beseitigung der Sitte, kleine Mengen von Alkohol zu genießen, zu bemühen. Die Alkoholgegner wissen, dass die kleinen Fehler mit Notwendigkeit zahlreiche Menschen zum Laster und zu moralischer Krankheit führen, während der Anblick eines lasterhaften Menschen in der Regel nicht zur Nachahmung anreizt, sondern den normalen Menschen davon abschreckt, sich dem Laster zu ergeben. Der Kampf gegen den Alkoholismus hat wieder gezeigt, dass bei der Bekämpfung eines Lasters nur der Radikalismus großen Erfolg erzielt; denn die Abstinenten haben viel größere Siege errungen, als die Mäßigen. Aus diesem Grunde ist es uns nun aber leicht, viele Kämpfer für Alkoholabstinenz von der Bedeutung unserer Bewegung zu überzeugen. Wir müssen ihnen sagen: „Aus den selben Gründen, aus welchen ihr die Bekämpfung der Sitte, kleine Mengen von Alkohol zu genießen, für wichtiger haltet als die direkte Bekämpfung der Trunksucht aus den selben Gründen müsst ihr einsehen, dass der Kampf gegen Tierquälerei noch wichtiger ist als der Kampf gegen die an Menschen verübten Rohheiten und Verbrechen“. Ferner müssen wir die Alkoholgegner darauf hinweisen, dass der Alkoholismus hauptsächlich eine Folge des Fleischgenusses ist, da der Vegetarier in der Regel eine heftige Abneigung gegen den Alkohol empfindet, selbst wenn er vor dem Übergang zur vegetarischen Lebensweise sich ohne Alkoholgenuss nicht wohl fühlte. Wir können verlangen, dass die Alkoholgegner diese unbestreitbare Tatsache anerkennen und mehr als bisher den Vegetarismus als ein Mittel zur Erleichterung der Alkoholabstinenz empfehlen. Wer an Gerechtigkeit in der Weltordnung glaubt, muss den grössten Teil des durch den Alkoholgenuss erzeugten Elends als die Wirkung eines Fluches betrachten, den die Menschheit durch den Massenmord der Tiere auf sich ladet. Diejenigen Alkoholgegner, welche den Alkoholgenuss hauptsächlich deshalb bekämpfen, weil die meisten Menschen im Rausch zur Grausamkeit neigen, müssen wir bitten, bei der Darstellung der schädlichen Folgen des Alkoholgenusses auch auf das grauenhafte Leid hinzuweisen, dass Millionen von Tieren ihr ganzes Leben hindurch von betrunkenen Menschen zu erdulden haben. lch behaupte, dass die Betrunkenen ihre grausamen Triebe noch viel mehr an den Arbeitstieren und den Schlachttieren auslassen als an Frauen und Kindern.

Denn viele Tiermisshandlungen betrachten sie ja überhaupt nicht als ein Unrecht, und die Tiere können sich noch weniger wehren als Frauen und Kinder, die doch wenigstens schreien, flüchten und die Polizei um Hütte anrufen können. Ich habe in den Schriften der Alkoholgegner aber noch nie einen Hinweis auf dieses Meer von Qual gefunden, trotzdem doch in den meisten Städten jeder, der mit offenen Augen durch die Straßen geht, so viele Taten der Grausamkeitswollust sieht, welche betrunkene Menschen an Tieren verüben. Wenn das auf offener Strasse geschieht, welche Orgien mögen diese Unholde da unbeobachtet im Schlachthaus, im vivisektorischen Laboratorium usw. begehen! Deshalb müssen aber auch wir Tierschützer es als unsere Pflicht ansehen, die Bewegung gegen den Alkoholismus zu fördern. Solange die Trunksucht gerade unter den Menschen, denen die Pflege der Arbeitstiere anvertraut wird, so weit verbreitet ist, müssen wir den Alkoholgenuss als eine der Hauptursachen der Tierquälerei betrachten.

Gleich wie die Alkoholgegner, können wir insbesondere auch die Kämpfer für gerechtere soziale Zustände von der Bedeutung des Tierschutzes überzeugen, wenn wir ihnen nachweisen, dass der Ursprung des Ocrechtigkeitsgefühls das Mitleid, und der Tierschutz das wichtigste Mittel zur Pflege des Mitleids ist.

Den Anhängern der Arbeiterbewegung können wir verhalten, dass ein Mensch sich verächtlich macht, wenn er mit sittlicher Empörung über ein ihm selber zugefügtes Unrecht klagt, während er seinen eigenen Untergebenen das Recht auf Schonung abspricht. Das ist einer der Hauptunterschiede zwischen dem gemeinen und dem edlen Menschen, dass jener durch eigenes Leid mitleidslos, dieser durch eigenes Leid mitleidiger wird. Die ganze Lehre von den Menschenrechten fällt zusammen, wenn wir nicht allen fühlenden Wesen ein Recht auf Verschonung von allem unnötigen Leid zuerkennen. Alle Einwände, welche viele Anhänger der Arbeiterbewegung gegen die Tierschutzbewegung vorbringen, hätten sie, wenn diese Einwände berechtigt wären, vor einigen jahrzehnten auch zur Verteidigung der Menschensklaverei verbringen müssen. Selbst diejenigen Arbeiter, welche eingestehen, dass sie nur aus Egoismus für die Besserung der Lage ihrer Klasse kämpfen, sollten den Tierschutz pflegen; denn auch auf die materielle Wohlfahrt der Arbeiterklasse, wie der gesamten Menschheit, übt die Tierquälerei eine unheilvolle Wirkung aus. So führt 2. B. die Tier-Vivisektion auch zur Vivisektion an Menschen, besonders an armen Leuten in Krankenhäusern; und die Ausbreitung des Vegetarismus würde die volkswirtschaftlichen Verhältnisse durchgreifend zu Gunsten der Arbeiterklasse umgestalten. Wer aber im Tone sittlicher Empörung von der Ausbeutung der Arbeiterklasse spricht, dagegen beim Anblick der Auspeitschung eines Pferdes ruhig bleibt, oder sich gar selber daran beteiligt, ist ein Heuchler. Wir müssen aber mit der Tatsache rechnen, dass die meisten Menschen Heuchler und Egoisten sind, die die Gebote der Gerechtigkeit erst befolgen, wenn sie selber nicht ungerecht behandelt zu werden glauben. Daher müssen wir auch die Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse und andere soziale Reformen als eine Vorbedingung für grosse Erfolge unserer Bestrebungen betrachten und solche Reformen fördern, obwohl unsere Vereine sich hüten müssen, sich offiziell einer politischen Partei anzuschliessen, sofern nicht in ihrer Satzung die Förderung politischer Bestrebungen ausdrücklich zu ihren Aufgaben gezählt wird.

Wir sollten den Anhängern der Arbeiterbewegung die Frauen als leuchtendes Vorbild hinstellen. Diese kämpfen ebenfalls für die Erweiterung ihrer Rechte, kämpfen gegen das Vorurteil, das ihnen die höheren geistigen und sittlichen Anlagen abspricht. Aber sie pflegen nicht, wie, wenigstens in Deutschland, die meisten Sozialisten und anderen Arbeiter, den noch ungerechter beurteilten und noch mehr unterdrückten Tieren ihre Hilfe zu versagen, sondern aus ihren Reihen sind den Tieren viel mehr Helfer erstanden als aus den Reihen der Männer. Und in ihrer Arbeit für den Tierschutz haben die Frauen so viel Selbstlosigkeit, Ausdauer und Mut, so viel diplomatische Klugheit, so großes Organisations-Talent bewiesen, dass schon diese, so wenig beachteten, so selten öffentlich besprochenen Leistungen der Frau auf dem Gebiete des Tierschutzes das Vorurteil von der geistigen und sittlichen Minderwertigkeit der Frau widerlegen. Sehen wir nur diesen Kongress an, dessen Vorbereitung doch hauptsächlich in den Händen von Frauen lag! Hätten Männer es verstanden, so zahlreiche bedeutende Menschen zur Mitarbeit an den Arbeiten eines solchen Kongresses zu bewegen und einer Versammlung der sonst so wenig angesehenen Tierschutzvereine eine solche Beachtung in der Öffentlichkeit zu verschaffen? lch glaube, so etwas bringen nur die Frauen fertig! Auf diese grossen Verdienste der Frauen um die Tierschutzbewegung müssen wir bei jeder Gelegenheit öffentlich hinweisen; nicht nur, weil das eine Pflicht der Dankbarkeit ist, sondern auch, weil wir dadurch in vielen Frauen, die sich noch nicht mit dem Tierschutz beschäftigt haben, das lnteresse an unsern Bestrebungen wecken. Alle Bestrebungen, die den Frauen eine größere Wirksamkeit verschaffen, müssen wir fördern; denn je größer der Einfluss der Frauen ‘auf die öffentliche Meinung, auf die Gesetzgebung und auf die Tätigkeit ethischer Vereine ist, um so schneller wird auch die Tierschutzbewegung fortschreiten. Sogleich wenn die Frau das aktive und passive Wahlrecht erlangt hat, wird wahrscheinlich die Zahl unserer Freunde in den Parlamenten und in den städtischen Behörden sich erheblich vermehren.

Wenn wir die Mehrzahl der für ethische Bestrebungen wirkenden Frauen auf unsere Seite gebracht haben, wird es uns nicht schwer fallen, auch in die Vereine für Kinderschutz und für Erziehungsreform Eingang zu finden; denn in diesen Vereinen wirken, wenigstens in Deutschland, mehr Frauen als Männer. Allen Pädagogen und allen Kinderschützem müssen wir klar machen, welch’ ein wichtiges Erziehungsmittel die Pflege der Tierliebe und die Anleitung zum Tierschutz ist. Wenn wir in Kinderschutzvereinen Vorträge halten und in ihren Zeitschriften Aufsätze veröffentlichen, so können wir ohne Zweifel viele neue Anhänger gewinnen; denn die meisten Kinderschützer werden doch durch ein starkes Mitleid zu ihrer Arbeit getrieben und können daher leicht von dem engen Zusammenhang unserer Bestrebungen mit den ihrigen überzeugt werden. Wenn wir helfen die Erziehung elternloser und verwahrloster Kinder zu verbessern, so werden wir die Zahl der Tierquäler sehr verringern, denn tausende von Fuhrknechten und anderen Arbeitern pflegen nur deshalb die Tiere rücksichtslos oder grausam zu behandeln, weil sie als Kinder ebenfalls das Opfer der schlechten Launen ihrer Pfleger waren und von Jugend an daran gewöhnt wurden, dass der Mensch an seinen Untergebenen seinen Ärger auslässt. Nur ein Mensch von ungewöhnlich guter Anlage wird Tiere rücksichtsvoll und geduldig behandeln, wenn er selber als Kind viel misshandelt wurde. Andererseits wird auch der Fortschritt des Tierschutzes dem Kinderschutz nützen. Solange fast jeder Mensch jeden Tag sieht, wie schuldlose Pferde geprügelt werden, wird das Prügeln wohl auch als das einfachste und beste Mittel der Kindererziehung betrachtet werden.

Die Forderungen der Kinderschutzvereine an die Strafgesetzgebung werden erst erfüllt werden, wenn die Juristen und Politiker einsehen, dass das größte Unrecht, der schlimmste Feind des Menschenwohls nicht die Unredlichkeit, sondern die Grausamkeit ist, und dass die unberechtigte Erzeugung körperlichen Schmerzes, besonders die aus Lust an der Qual Anderer verübte, viel schwerer bestraft werden muss, als die Verletzung des Eigentumsrechtes. Es scheint mir, dass das Strafrecht aller Länder in unserer Zeit das durch eine Körperverletzung begangene Unrecht zu gelinde, das durch eine Verletzung des Eigentumsrechtes begangene zu hart beurteilt, und das scheint mir der schlimmste Fehler des heutigen Strafrechtes zu sein. Solange noch zahlreiche Rechtslehrer die an Tieren begangene Grausamkeit an sich für straffrei und nur die durch die Tierquälerei indirekt auch den Menschen zugefügte Unbill für strafwürdig erklären, solange dürfen wir uns auch nicht über die milde Bestrafung der Kindermisshandlungen und anderer Rohheiten wundern, und solange können wir auch nicht auf die gründliche Beseitigung ungerechtfertigter Härten im Strafvollzug hoffen. Andererseits ist die milde Bestrafung von Rohheiten gegen Menschen auch ein Hindernis unserer Bestrebungen, den Tieren einen besseren Schutz durch das Strafgesetz zu verschaffen.

Der Abscheu vor Grausamkeit bietet auch die beste Bürgschaft für die Erhaltung des Friedens. Man wende nicht ein, dass ein Volk, das vor allem Blutvergießen zurückschreckt, zu feige wäre, im Notfall die Angriffe seiner Feinde mit dem Schwerte abzuwehren. Die Geschichte und das tägliche Leben zeigen, dass der feigste Mensch der grausame ist. -Der Krieg wird hauptsächlich deshalb von den meisten MenSchen für unvermeidbar gehalten, weil sie glauben, dass der „Kampf Aller gegen Alle“ eine unabänderliche Natureinrichtung sei. Obwohl die Menschen die Tiere grenzenlos verachten, pflegen sie doch das Verhalten der Tiere unter einander als vorbildlich für den Menschen zu betrachten; und wenn man altruistische Anschauungen ausspricht und insbesondere die Bestrebungen der Friedensgesellschaften verteidigt, so erhält man fast regelmäßig die Antwort: solche Bestrebungen seien ein Kampf gegen Naturgesetze; denn jedes Tier denke nur an sich selber und an seine Artgenossen, und nur die Tiere könnten ihre Art erhalten, die es verständen, andere zu überlisten oder zu überwältigen. Daher sei offenbar auch der Mensch zu rücksichtslosem Egoismus gezwungen und dürfe altruistischen Regungen erst nachgehen, wenn sein eigenes Wohl gesichert sei; dieses Naturgesetz habe offenbar auch Gültigkeit für das Verhalten der Völker zu einander. in Wirklichkeit finden wir aber in der Tierwelt neben egoistischen auch altruistische Triebe, ja aufopfernde Freundschaft und Hilfsbereitschaft zwischen Angehörigen verschiedener Gattungen. Die gegenseitige Hülfe ist sogar, wie in den letzten jahren insbesondere Fürst Kropotkin nachgewiesen hat, ein wichtigerer Faktor der Entwickelung als der Kampf ums Dasein. Jeder, der vorurteilsfrei das Leben in der Natur ansieht, muss erkennen, dass die Tiere weniger egoistisch und grausam sind als die Menschen. Die Menschen reden sich die falsche Ansicht vom allgemeinen rücksichtslosen Kampf ums Dasein nur ein, um ihren eigenen Egoismus als etwas Gesundes, Natürliches betrachten zu können, besonders um das Fleischessen vor dem Gewissen zu rechtfertigen. Alle Anhänger einer altruistischen Weltanschauung sollten den Tierschützern helfen, die einseitigen Anschauungen von der Grausamkeit der Tiere zu zerstören. Die Anhänger der Friedensbewegung sollten aber die Menschheit darauf hinweisen,dass ein solches Wüten gegen Angehörige der eigenen Gattung, wie es der Mensch im Kriege verübt, in der Tierwelt wohl kaum jemals, oder doch nur sehr selten zu beobachten ist; dass diejenigen Tiere die höchste Entwicklung erreichen, die einander helfen; und dass man daher, wenn man einen solchen Analogieschluss überhaupt für zulässig erachtet, auch annehmen muss, dass die Völker auf gegenseitige Hütte angewiesen sind. Vor allem aber sollten die Anhänger der Friedensbewegung den Vegetarismus als ihren Bundesgenossen betrachten. Jeder verständige Mensch wird einsehen, dass die Gewohnheit, Nahrung zu geniessen, die durch das Schlachten von Tieren gewonnen wird, auch den Abscheu vor dem Gemetzel auf den Schlachtfeldem abstumpft. Eine völlige Sicherung des Friedens unter den Menschen wäre wohl nur dann zu erreichen, wenn wir die Menschheit dazu bringen könnten, auch Frieden mit der Natur zu schliessen. Dass die Menschheit in den nächsten Jahrhunderten eine solche Stufe der sittlichen Entwicklung erreichen werde, halte ich für ausgeschlossen. jedenfalls können wir aber schon vor der Erreichung des goldenen Zeitalters einzelne Menschen zum Leben im Frieden mit allen Wesen führen und auch daran mitarbeiten, die Zahl der Kriege zu verringern. Jeder Krieg wird der Tierschutzbewegung unermesslichen Schaden zufügen, weil er die sittlichen Anschauungen der Menschheit verroht und auf lange Zeit hinaus das Interesse der Menschen von ethischen Bestrebungen abwendet. Auf jedem Schlachtfelde liegen auch zahlreiche verwundete Pferde, um die sich in der Regel kein Mensch bekümmert. Wie wir die Alkoholgegner bitten müssen, in ihren Schriften auf das durch die Trunksucht verursachte Elend der Tiere hinzuweisen, so müssen wir die Kämpfer für Völkerfrieden auffordern, bei der Schilderung der Greuel der Schlachtfelder nicht die Leiden der Pferde zu vergessen. Mit aller Energie muss dahin gestrebt werden, dass auf den Schlachtfeldern die verwundeten Pferde durch dazu angestellte Männer erschossen werden.

Kurz muss ich hier auch unsere Beziehungen zur Naturheilbewegung besprechen, obwohl auf diesem Kongress eigene Vorträge über ihre Bestrebungen stattfinden werden. In Deutschland, wo die Naturheilbewegung vielleicht mehr Anhänger hat, als irgend eine andere nicht politische Bewegung, ist sie eine mächtige Bundesgenossin unserer Bewegung. Die Anhänger der Naturheilbewegung wollen nicht nur die Krankenbehandlung ändern, sondern auch die Lebensweise natürlicher gestalten. Indem sie den Sinn für die Schönheit des Lebens in der Natur wecken, wecken sie auch das Verständnis für das Tierleben. Sie fördern den Kampf gegen die Vivisektion und gegen die Impfung, den Vegetarismus, den Kampf gegen den Alkoholismus und ähnliche Bestrebungen= Ich habe in einem eigenen Flugblatt eingehend nachgewiesen, dass die Krankenbehandlung und die Forschungsweise der Naturheilkundigen sich von denen der sogenannten „Schulmediziner” hauptsächlich dadurch unterscheiden, dass sie sich von der Vivisektion freihalten. Dennoch dürfen meiner Meinung nach die Vivisektionsgegner-Vereine sich nicht offiziell den Naturheilvereinen anschliessen, weil dadurch das Vorurteil gestützt werden würde, dass uns das Mitleid mit dem Tier nur ein Vorwand sei, um heilkundliche Reformen zu fördern, während wir doch den grössten Wert darauf legen müssen, dass unsere Bewegung als eine rein sittliche betrachtet werde, an der jeder sittlich fühlende Mensch teilnehmen kann, einerlei, ob er die allopathische oder die diätetisch physikalische Heilmethode für gut hält. Jeder Anhänger der Naturheilkunde muss zwar ein Gegner der Vivisektion sein, weil gerade diejenigen Methoden der Medizin, welche von den Naturheilkundigen am heftigsten bekämpft werden (nämlich die Impfung, die Behandlung mit Serum und Tuberkulin, die übermäßige Anwendung chirurgischer Operationen u.s.w.)‚ nur Ergebnisse der Vivisektion sind; aber nicht jeder Vivisektionsgegner braucht alle Lehren der Naturheilkunde anzuerkennen. Viele Ärzte, besonders englische, denen wir die größte Förderung unserer Bewegung zu verdanken haben, waren Allopathen. Wohl aber sollten unsere Anhänger die Bestrebungen der Naturheilvereine zur Veredlung der Lebensweise fördern. Auch müssen wir von jedem Vivisektionsgegner verlangen, dass er nicht zur Erhaltung oder Wiedererlangung seiner Gesundheit die Anwendung von Mitteln duldet, die nur durch Vivisektion entdeckt werden konnten oder deren Herstellung ohne Vivisektion nicht möglich ist. Wer sich mit solchen Mitteln, z. B. mit Tuberkulin, behandeln lässt oder wer sein Kind freiwillig impfen lässt, macht sich einer Vivisektion mitschuldig.

Ebenso können wir drei Gruppen von Vereinen, welche vornehmlich Fragen der Weltanschauung zu klären suchen, nämlich die christlichen, die theosophischen und die sog. monistischen Vereine, wohl um Mitarbeit an der Verbreitung unserer Anschauung bitten, obwohl nicht alle unsere Vereine für sie Propaganda machen können. Bei der Agitation in diesen Vereinen müssen wir meiner Meinung nach den Schwerpunkt darauf legen, nachzuweisen, dass die Tierseele nicht wesentlich verschieden ist von der Menschenseele, und dass die allgemeine Anerkennung dieser Tatsache den segensreichsten Einfluss auf die Vertiefung der Weltanschauung, sowie auf die religiöse Entwicklung der Menschheit ausüben würde. Auch glaube ich, dass ich in diesem Vortrage schon bei der Untersuchung unserer Beziehungen zu anderen Vereinen einige Gedanken ausgesprochen habe, durch deren Vortrag in christlichen, theosophischen und monistischen Vereinen wir viele Mitglieder dieser Gesellschaften zur Mitarbeit an unsern Bestrebungen anregen können.

Nachdem ich nun unser Verhältnis zu den wichtigsten andern ethischen Vereinen kurz betrachtet habe, will ich auch einige Ansichten über das rechte Verhältnis der verschiedenen Richtungen des Tierschutzes zu einander aussprechen.

Gewöhnlich teilt man die Tierschützer in zwei Gruppen ein: zu der einen gehören die Gegner jeder Vivisektion, zu der andern die Tierschützer, die entweder die Vivisektion gar nicht angreifen oder zunächst nur eine Einschränkung verlangen. Die meisten Vivisektionsgegner-Vereine haben sich zu einem „Weltbund zum Schutze der Tiere und gegen die Vivisektion” zusammengeschlossen. Die meisten Mitglieder dieser Vereine glauben, dass der „Weltbundl‘ unbedingt und ohne jedes Zugeständnis an die Nützlichkeits-Moral das „Recht der Tiere” verfechte, während die andern Tierschützer das Recht der Tiere mit Füßen träten, sobald sie dadurch dem Menschen nutzen zu können glaubten. Diese Ansichten halte ich für ungerecht und für ein Hemmnis unserer Bewegung. Es wäre viel richtiger, nicht von zwei, sondern von drei Hauptrichtungen zu sprechen. Zu den Tierschützern, die schon in der Gegenwart die Prinzipien des Rechtes der Tiere konsequent anwenden, gehören nicht die meisten Mitglieder des Tierschutzes”, sondern nur die Vegetarier. Es ist nicht schwer, nachzuweisen, dass alle Gründe, aus welchen die „Abolitionisten“ jede Vivisektion verwerten, auch gegen das Recht des Menschen Fleisch zu essen sprechen. Zu der zweiten Gruppe der Tierschützer sind alle Vivisektionsgegner zu zählen, auch diejenigen, welche nicht, wie der „Weltbund”, das „sofortige strafgesetzliche Verbot” der Vivisektion ohne vorherige einschränkende Maßregeln erreichen zu können glauben, sondern aus taktischen Gründen von den Regierungen zunächst Einschränkung und Überwachung der Vivisektion verlangen. Wer nur deshalb zunächst „Einschränkung verlangt, weil er die „Beseitigung” nicht sogleich erreichen zu können glaubt und nun wenigstens den nicht zu rettenden Opfern der Vivisektion die Qual erleichtern will; wer also die Einschränkung nur als eine Stufe auf dem Wege zu seinem Ziele, nicht als sein Endziel betrachtet, der hegt eine ebenso radikalen Gesinnung wie die Anhänger des Weltbundes; und es ist eine Ungerechtigkeit, die unserer Bewegung nur schaden kann, dass viele Anhänger des Weltbundes allen andern Vivisektionsgegnern Mangel an Eifer und an „Treue gegen das Prinzip” vorwerfen. Die dritte Gruppe bilden die Tierschützer, die vornehmlich diejenigen Tierquälereien, die schon von der Mehrzahl der Zeitgenossen verworfen werden, bekämpfen.

Ich behaupte, dass alle drei Richtungen, auch die zuletzt gekennzeichnete, notwendig sind und dass jede ihre besondere Aufgabe erfüllen sollte, ohne die andern anzugreifen.

 

*) Siehe den Anhang dieser Schrift.

 

**) Wenn radikale Vivisektionsgegner 

alle andern Tierschützer als Schädlinge betrachten, so handeln sie ebenso töricht, wie diejenigen Vegetarier, die von der Einführung der Betäubung der Schlachttiere nur eine „Einschläferung des Gewissens" der Fleischesser erwarten und die ganzen Bestrebungen zur Schlachtreform als ein „Zugeständnis an das Böse" betrachten. Und wenn Vivisektionsgegner andererseits der vegetarischen Strömung in der Tierschutzbewegung die Existenzberechtigung absprechen, so machen sie sich des selben Fehlers schuldig, den diejenigen Tierschützer begehen, welche behaupten, der Kampf gegen die Vivisektion gehöre nicht zu den Aufgaben des Tierschutzes und könne diesen nur schädigen. 

Die Gerechtigkeit fordert, dass die radikal gesinnten Tierschützer immer zweierlei bedenken: ]. dass unter den sogenannten „gemäßigten' Tierschützern sich viele befinden, die für ihre weniger hochliegenden, aber doch nicht unwichtigen Ziele mit ebenso großem Eifer und ebenso grossem Opfermut kämpfen, wie die "radikalen“ für die ihrigen; 2. dass jeder der ehrlich und eifrig für den Tierschutz kämpft, unsere Bewegung auch ihren höchsten Zielen näherbringt, auch wenn er selber diese Ziele gar nicht erkennt. 

Das höchste Ziel der Tierschutzbewegung aber ist die Verbreitung der vegetarischen Lebensweise und der vegetarischen Weltanschauung. Ich zähle es zu den wichtigsten Aufgaben der auf diesem Kongress von mir vertretenen „Gesellschaft zur Förderung des Tierschutzes und verwandter Bestrebungen ", die Menschen davon zu überzeugen, dass der Vegetarismus nicht dem Tierschutz nur „verwandt" ist, sich nicht nur in einigen Punkten mit der Tierschutzbewegung berührt, 

sondern die wichtigste Strömung innerhalb der Tierschutzbewegung ist. lch bin davon überzeugt, dass viele von Ihnen dieser Anschauung zustimmen werden, wenn Sie durch vorurteilsfreies und gründliches Nachdenken, durch das Studium vegetarischer Schriften und durch eigene Versuche sich ein richtiges Urteil über die Durchführbarkeit der vegetarischen Grundsätze zu bilden versuchen. Und zu einer solchen Prüfung des Vegetarismus fordere ich Sie zum Schluß auf mit dem Worte des großen englischen Dichters Shelley, den wir als einen unserer edelsten Vorkämpfer zu verehren haben und der in der Vorrede zur „Queen Mab" sagte: 

„Bei allem was heilig ist in unsern Hoffnungen für das Menschengeschlecht beschwöre ich diejenigen, die die Wohlfahrt der Menschheit wünschen und die Wahrheit lieben, die vegetarischen Lehren unbetangen zu prüfen". 

**) Am Schlusse des Kongresses wurde eine „Internationale Federation von Tierschutzund Antivivisektions-Vereinen" gegründet, deren taktischen Grundsätze mit den hier vorgetragenen Ansichten übereinstimmen. Auch die „Gesellschaft zur Förderung des Tierschutzes und verwandter Bestrebungen" in Berlin (W. 57, Bülowstr. 95) steht auf dem hier umschriebenen Standpunkt. In ihrem ersten Flugblatt (‚Über unsere Ziele" [Programm und Satzung]) wird gesagt: „Viele Tierschutz-Vereine haben auch gar nicht die Macht, alle Rohheiten gegen Tiere mit Eifer zu bekämpfen, weil sie von der Gunst der großen Volksmasse, der Behörden und mächtiger Personen abhängen. Es muss auch solche Tierschutz-Vereine geben, deren Bestrebungen schon heute allgemein gebilligt werden; denn eine ungeheure Menge gräulicher Tierquälereien kann nur beseitigt werden, wenn die Tierschutz-Vereine von zahlreichen Mitgliedern, sowie von den Behörden und angesehenen Personen unterstützt werden. Aber die Anhänger dieser Vereine sollen sich hüten, den radikaleren Tierschutzbestrebungen entgegenzuarbeiten. Neben den Vereinen, welche Zielen zustreben, die nur mit Hülle grosser Massen erreichbar sind, muss es auch solche Vereine geben, welche höhere, von den meisten Zeitgenossen nicht gebilligte Bestrebungen fördern und dem Tierschutz der Zukunft den Boden bereiten . . . . . Den Vereinen für sogenannten ,gemäßigten‘ Tierschutz . . . wird die Gesellschaft, soweit sie segensreiche Arbeiten vollbringen, nicht entgegenarbeiten, sondern sie fördern, indem sie die Erkenntnis verbreitet, dass insbesondere die auf die Gunst der Behörden angewiesenen Vereine nicht mit solchem Nachdruck gegen alle Tierquälereien kämpfen können, wie manche eifrige Tierschützer es von ihnen verlangen". Es ist beachtenswert, dass gerade der radikalste deutsche TierschutzVerein zur Duldsamkeit und Gerechtigkeit gegen andere TierschutzVereine mahnt und dass auch die Gründer und Leiter der “Federation” zu den radikalsten Tierschützem gehören.