radikale Ethik - radikaler Tierschutz

Über radikale Ethik – Text von Magnus Schwantje (1913)

Ich bin vor Kurzem auf Magnus Schwantje (nennen wir ihn einfach “Markus”, wie ich es fälschlicherweise sehr oft tue): Er war ein Schriftsteller, Philosoph, Tierschützer und Pazifist. Sein Gesamtwerk ist sicherlich ein bedeutender Teil der Entstehungsgeschichte der vegetarisch-/veganen Bewegung in Europa. Darüber hinaus hat er sich auch in seinen Reden und Schriften entschieden gegen Antisemitismus, Rassismus und für die Friedensbewegung eingesetzt.
Nachdem die Nazis ihn wegen seiner Funktion im “Bund für radikale Ethik” zunächst festgenommen hatten, floh er letztlich in die Schweiz. 1959 starb er in Oberhausen.

Kernstück der Schwantjeschen Philosophie ist die radikal-ethische Lehre, deren Grundgedanke in der Erkenntnis besteht, daß wir den Antrieb zu allem moralischen Handeln nicht durch ein Gebot der Vernunft, sondern durch das Mitleid empfangen, und daß die Befolgung der sittlichen Gebote mit ihrer Anwendung auf die niedrigsten und  hilflosesten Wesen, die Tiere, zu beginnen hat.

Quelle: n. Judith Baumgartner, Vivisektion und radikal-ethische Lehre von Magnus Schwantje. (In: “Der Vegetarier”, Heft 5/1990, S. 203)

Sein Flugblatt “Über radikale Ethik” hat mich trotz der teils angestaubten Sprache sehr inspiriert und es ist noch heute in einigen Sphären der Tierrechtsszene anwendbar. Dank OCR habe ich die uralte PDF in einen editierbaren Text umgewandelt, den ich gerne hier zur Verfügung stellen möchte.

Danke bereits jetzt an das Magnus Schwantje Archiv

Wichtige Aussagen:

Wenn wir dagegen die verhältnismäßig geringen Übel dulden, so geben wir dem Teufel den kleinen Finger und er nimmt die ganze Hand.

Freilich darf deswegen nicht die Wichtigkeit der direkten Bekämpfung der schlimmsten Übel gering geschätzt werden; das wäre so töricht wie die Ansicht, die Aerzte sollten ihre Bemühungen zur Heilung kranker Menschen einschränken, um Zeit und Kraft für die hygienische Aufklärung des Volkes, für die Verbesserung der Lebensweise usw. zu gewinnen.

Man handelt durchaus nicht unehrlich und nicht treulos gegen sein Ideal, wenn man manche Anschauungen vor Leuten, die sie nicht verstehen oder die sie entgegen ihrer Überzeugung bekämpfen, verschweigt. Auch schadet man nicht den radikalen Bestrebungen, wenn man an solchen Arbeiten teilnimmt, die sich ausschließlich gegen besonders schlimme Auswüchse eines Übels richten, nicht dessen Wurzel auszurotten trachten. Nur dürfen die Radikalen bei der Mitarbeit an nicht radikalen Bestrebungen sich nicht zu einer Verleugnung ihrer ideale, zu einer Gutheißung des von ihnen als verwerflich Erkannten und auch nicht zu einer einstweiligen Zurückstellung radikaler Bestrebungen verleiten lassen.



Hinweis: Bitte beachtet, dass der Text aus dem Jahre 1912/1913 stammt und somit nicht nur ungewöhnliche Aussprachen, alte Rechtschreibungen sondern auch politisch-inkorrekte Formulierungen beinhaltet. Würde dieser Text erneut geschrieben werden, wäre korrektes Gendering, PC-Sprache und keine diffamierenden Begrifflichkeiten beinhaltet.

Über radikale Ethik.

 

Von Magnus Schwantje.

 

In unserer Zeit ist die Meinung weit verbreitet, daß fast jede gute Bewegung durch den „Radikalismus“ einiger ihrer Anhänger sehr gehemmt werde, und daß die Radikalen zu einer praktischen „positiven“ Arbeit fast immer ganz unfähig seien. Als die Radikalen bezeichnet man die Schwärmer ohne „realpolitisches“ Verständnis, die nicht unterscheiden können zwischen den schon in der Gegenwart und den erst in ferner Zukunft erreichbaren Zielen, und die dazu neigen, eine Einrichtung, der einige Mängel anhaften, oder einen Brauch, der zuweilen zu einem Mißbrauch führt, ohne Einschränkung zu verurteilen, auch wenn diese Einrichtungen und Bräuche an sich durchaus berechtigt, ja notwendig sind (die also „das Kind mit dem Bade ausschütten“); ferner Leute, die rücksichtslos nur ihre eigenen Pläne verfolgen, ohne danach zu fragen, ob dadurch nicht wichtigere andere Bestrebungen geschädigt werden, die anders denkende Menschen ungerecht und gehässig beurteilen. Kurz : das Wort „Radikalismus“ hat im heutigen Sprachgebrauch fast die selbe Bedeutung wie „Fanatismus“. Infolge dessen wagen heute die meisten radikal gesinnten Menschen gar nicht, ihre eigenen Anschauungen radikal zu nennen.

 

Daß das Wort diese Bedeutung erhalten hat, ist sehr bedauerlich; denn „Radikalismus“ ist ein vorzügliches, schwer zu ersetzendes Wort zur Bezeichnung einer Richtung des Wollens und Denkens, ohne die alles sittliche Streben verflachen würde, und die durchaus nicht zum Fanatismus führen muß. Das Wort „radikal“ kann nur übersetzt werden durch „die Wurzel angreifend“. Die Wurzel ist der Ursprung des Baumes; wer sie vernichtet, hat den ganzen Baum völlig und dauernd vernichtet; abgeschnittene Zweige aber wachsen wieder an. Wer sich nicht damit begnügt, einige besonders schlimme Auswüchse der Übel zu beseitigen, sondern die Übel durch Ausrottung ihrer Wurzel, durch Verhütung ihres ersten Aufkeimens völlig und dauernd zu vernichten trachtet, der ist radikal gesinnt. Die Wurzeln der moralischen Übel sind die kleinen  Zugeständnisse an das Böse, die Verübung oder Duldung von Handlungen, die der Mensch zwar bei genauer Prüfung seines Gewissens, oder bei gründlichem nachdenken als verwerflich erkennt, gegen die sich aber sein Gewissen noch so wenig auflehnt, daß es ihm leicht fällt, die moralischen Bedenken zu überwinden.

Aus diesen scheinbar geringen Verletzungen sittlicher Gebote entstehen die schlimmeren Übel; selten bleibt der Mensch bei der Verurteilung oder Duldung kleiner Missetaten stehen, wenn er erst begonnen hat, bewußt gegen sein Gewissen zu handeln.

Wenn wir die scheinbar geringen Übel bekämpfen, so rotten wir dadurch die Wurzeln der größeren aus. In der Verurteilung eines verhältnismäßig geringen Unrechtes ist schon die Verurteilung des größeren enthalten; mit den radikalen Forderungen werden auch die weniger weit gehenden

ausgesprochen. Mit der Anerkennung des Rechtes der Tiere auf Befreiung von allem Leid, das wir

ihnen, ohne uns selber ein größeres Leid zuzufügen, ersparen können, ist schon die Anerkennung des selben Rechtes der Menschen ausgesprochen; wer die Sklaverei der Menschen, die er als niedrigere Rassen betrachtet, verurteilt, erkennt damit auch das Recht der Weißen auf Freiheit an; wenn wir vom Staat verlangen, die Mißhandlung und Vernachlässigung der mit sittlichen, geistigen und körperlichen Gebrechen geborenen Kinder von Verbrechern und Trinkern zu verhüten, so fordern wir damit auch, daß die nicht mit solchen Fehlern belasteten Waisenkinder eine liebevollere Erziehung erhalten.

Wenn wir dagegen die verhältnismäßig geringen Übel dulden, so geben wir dem Teufel den kleinen Finger und er nimmt die ganze Hand.

 

Es ist einer der schlimmsten Fehler der meisten Ethiker und Sozialreformer unserer Zeit, daß sie alle Bestrebungen gegen die von ihnen für gering gehaltenen Übel zu unterdrücken suchen, indem sie den Radikalen vorhalten: es gebe doch schlimmere Mißstände und verwerflichere Ansichten als die von ihnen bekämpften; daher sollten sie zunächst helfen, diese schlimmsten Übel zu beseitigen; erst wenn dieses gelungen sei, sei die Zeit gekommen, auch gegen die kleineren U bei zu kämpfen. Sie glauben z. B.: solange noch Ungerechtigkeiten gegen Menschen verübt werden (das heißt in Wahrheit: solange die Menschheit bestehen wird), solange sei der Tierschutz verfrüht (eine Ansicht, die nicht nur von einem Mangel an pädagogischer Einsicht, sondern auch von einer Unterschätzung der Größe der Leiden der Tiere zeugt); solange noch Tausende von unschuldigen Menschen im Kriege in der grausamsten Weise geschlachtet werden, solle man sich nicht darüber erregen, daß Mörder hingerichtet werden. Diese Ansichten sind so töricht wie z. B. die Forderung, die Aerzte und die anderen Mitarbeiter an der Hebung der Volksgesundheit sollten zunächst ihre Kräfte darauf konzentrieren, die Schwindsucht zu beseitigen; denn sie sei die verheerendste aller Krankheiten; erst wenn die Schwindsucht ausgerottet sei, solle man die zweitschlimmste Krankheit bekämpfen, und erst wenn auch diese und noch viele andere Krankheiten verschwunden seien, solle man sich um die Behandlung der weniger schlimmen Krankheiten, sowie um Fragen der Ernährung, der Wohnungshygiene, der Verbesserung der Arbeitsverhältnisse usw. bekümmern.

Wenn jemand diese Forderung erhöbe, so würde man ihm antworten : daß man wohl einige Schwindsüchtige heilen, aber nicht die Entstehung der Schwindsucht verhüten kann, wenn man nicht auch viele andere, darunter auch viele scheinbar ungefährliche Krankheiten bekämpft, aus denen die Schwindsucht entsteht; ja, daß die Aufklärung des Volkes über die Gefährlichkeit der scheinbar harmlosen Übertretungen der Gebote der Hygiene, die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsweise und andere Arbeiten zur Verhütung der Entstehung der leichten Krankheiten noch wichtiger sind als die Behandlung der schwer erkrankten Menschen.

Ebenso wie jede leibliche Krankheit hängt auch jedes moralische Übel eng mit anderen Übeln

zusammen und kann nur zusammen mit diesen anderen Übeln wirksam bekämpft werden; und

gerade durch den Kampf gegen die Unsittlichkeiten, welche die Menschen noch als harmlos anzusehen neigen, verhüten wir am sichersten die größeren Fehler.

 

Freilich darf deswegen nicht die Wichtigkeit der direkten Bekämpfung der schlimmsten Übel gering geschätzt werden; das wäre so töricht wie die Ansicht, die Aerzte sollten ihre Bemühungen zur Heilung kranker Menschen einschränken, um Zeit und Kraft für die hygienische Aufklärung des Volkes, für die Verbesserung der Lebensweise usw. zu gewinnen. Wir können in den meisten Menschen gar nicht den Abscheu vor den kleinen Fehlern wecken und sie nicht von der Berechtigung radikaler Forderungen überzeugen, solange sie an den Anblick der schlimmsten Mißstände und Unsitten gewöhnt werden.

Die meisten Menschen würden nicht an den Ernst der Radikalen glauben, wenn diese zwar die verhältnismäßig geringen Fehler verwürfen, aber die empörendsten Ungerechtigkeiten, Grausamkeiten und Laster ruhig duldeten, – wenn sie zwar auf ferne Ideale hinwiesen, aber nicht eifrig hülfen, schon in der Gegenwart die bestehenden Übel so viel wie möglich zu mildern.

 

Tatsächlich findet man aber unter den radikal gesinnten Menschen nur sehr wenige, die nicht auch an den Bestrebungen teilnehmen, zunächst wenigstens die krassesten Übel einzuschränken. Es ist eine Verleumdung, wenn behauptet wird, daß die meisten Radikalen sich mit „idealen Forderungen“

begnügten, aber nicht an praktischen Arbeiten teilnehmen möchten. In den meisten Bewegungen haben gerade die Radikalen manchen großen Fortschritt bewirkt. Aber sie sehen ein, daß alle Bestrebungen gegen einzelne besonders schlimme Übel meistens nur einen vorübergehenden Erfolg

erzielen, in der Regel nicht verhüten können, daß sehr bald an die Stelle des einen unterdrückten

Übels ein anderes tritt, solange nicht neben diesen Bestrebungen auch solche ins Leben gerufen

werden, die d:is Übel an seiner Wurzel angreifen und sich auf keinerlei Zugeständnisse einlassen.

Schon von An fang an müssen die Anhänger einer sittlichen Bewegung die letzten Konsequenzen aus ihren sittlichen Grundsätzen ziehen, damit sie wissen, auf welche letzten Ziele ihre Bewegung hinsteuert. Freilich müssen sie dabei bedenken, daß sie diesen Zielen nur schrittweise näherkommen können, und daher manchmal eine radikale Ansicht verschweigen, um nicht die zur ei nstweiligen Beseitigung der schlimmsten Übel unentbehrliche Hilfe der großen Masse und einzelner einflußreicher Personen zu verlieren. – Ein Vorwurf, der gegen manche Radikale mit Recht erhoben wird, ist der, daß sie ihre höchsten Forderungen auch bei Gelegenheiten aussprechen, bei denen sie dadurch nichts anderes erreichen, als daß sie einer Bewegung, die auf die Unterstützung von Gegnern radikaler Bestrebungen angewiesen ist, unnötig neue Feinde verschaffen.

Man handelt durchaus nicht unehrlich und nicht treulos gegen sein Ideal, wenn man manche Anschauungen vor Leuten, die sie nicht verstehen oder die sie entgegen ihrer Überzeugung bekämpfen, verschweigt. Auch schadet man nicht den radikalen Bestrebungen, wenn man an solchen Arbeiten teilnimmt, die sich ausschließlich gegen besonders schlimme Auswüchse eines Übels richten, nicht dessen Wurzel auszurotten trachten. Nur dürfen die Radikalen bei der Mitarbeit an nicht radikalen Bestrebungen sich nicht zu einer Verleugnung ihrer ideale, zu einer Gutheißung des von ihnen als verwerflich Erkannten und auch nicht zu einer einstweiligen Zurückstellung radikaler Bestrebungen verleiten lassen. Wenn z. B. die Gefahr besteht, daß ein Verein durch radikale Bestrebungen an der Erreichung eines großen Erfolges verhindert werden würde, so müssen diese radikalen Bestrebungen nicht etwa unterdrückt, sondern nur den besonderen

Vereinen für radikale Bestrebungen überlassen werden, damit der andere Verein nicht an nützlichen

Arbeiten unnötig verhi ndert werde. Es kommt manchmal – aber nicht so oft, wie die Gegner behaupten – vor, daß die Radikalen nicht die Notwendigkeit der Arbeitsteilung, der gleichzeitigen Förderung radikaler und nicht radikaler Bestrebungen erkennen.

 

Manchmal unterschätzen die Radikalen auch die Schwierigkeit der Erreichung ihrer !deale. Infolge

dessen können sie sich schwer vorstellen, daß andere Ethiker ihre Forderungen aus ehrlicher Überzeugung als übertrieben und unerfüllbar ablehnen. Die Verbitterung durch die vielen Enttäuschungen, die fast jeder zu rad ikalen Ansichten neigende Mensch erlebt, führt leicht zu einer ungerechten Beurteilung anders denkender Mitkämpfer. Die Ablehnung ihrer Forderungen führen einige Radikale daher immer auf Mangel an Mut, an Überzeugungstreue und an Stärke des sittlichen Gefühls zurück. Sie nennen deshalb die nicht radikalen Mitkämpfer die „Lauen“ und die „Halben“. In der Tat strebt ein Mensch in der Regel einem umso höheren Ziele zu, je wärmer seine Liebe zum Guten ist; und in der Regel werden radikale Bestrebungen deshalb bekämpft, weil ihre Gegner vor schweren Opfern und harten Kämpfen zurückschrecken. Es giebt jedoch auch Menschen, die zwar, infolge eines Mangels an Erkenntnisvermögen, unfähig sind, neue Ansichten,

die weit von ihren bisherigen und von denen ihrer Umgebung abweichen, unbefangen und gründlich

zu prüfen, unfähig ein hohes Ideal zu erkennen, die aber für die Bestrebungen, die sie als berechtigt

und notwendig erkannt haben, mit größerem Eifer und größerer Opferwilligkeit arbeiten, als manche Radikale für ihre höheren !deale. Ich kenne zum Beispiel Tierschützer, die mit erstaunlicher Hartnäckigkeit tausend Mal widerlegte Behauptungen von der Unentbehrlichkeit der Vivisektion wiederholen und nur eine Einschränkung, nicht die Beseitigung der Vivisektion verlangen, aber manchen Tierschutzbestrebungen schwere Opfer bringen. Solche Mensch en bilden Ausnahmen; aber sie sind nicht so seilen, wie einige Radikale glauben. –

 

Sehr oft findet man auch Leute, die merkwürdiger Weise vor gewissen Opfern, die anderen Menschen leicht fallen, zurückschrecken, dagegen zu sehr schweren anderen Opfern bereit sind. So kenne ich Menschen, die die Verwerflich keit des Fleischessens einsehen, aber erklären, daß sie sich von dieser Gewohnheit nicht frei machen könnten, die dagegen sich große Entbehrungen auferlegen, um edle Bestrebungen zu fördern. Solche Leute sind höher zu schätzen als manche, die zwar aus ethischen Gründen vegetarisch leben, aber nur, weil ihnen die Einhaltung der vegetarischen Lebensweise nicht schwer fällt, und die nur sehr wenig zum Wohle anderer Menschen und der Tiere arbeiten.

 

Also nicht ausschließlich nach der Höhe der Ziele, den en in Mensch zustrebt, sondern vornehmlich nach dem Grade seiner Opferwilligkeit sollten wir seinen sittlichen Charakter beurteilen. Einzelne eitler im Denken und Handeln eines Menschen dürfen uns nicht dazu verleiten, seine Tugenden zu übersehen.

Wer für die Ziele, die er als erstrebenswert erkennt, eifrig und uneigennützig arbeitet, darf nicht wegen einiger Fehler im Urteilen und einiger Schwächen zu den „Lauen“ gezählt, sondern  muß als ein irrender Gesinnungsgenosse betrachtet werden. Durch solche gerechte Beurteilung dieser Gesinnungsgenossen werden wir sie am ehesten dazu bewegen, die radikalen Forderungen unbefangen und gründlich zu prüfen und ihre Schwächen zu überwinden.

Viel dringender als die Radikalen müssen aber ihre Gegner[1] zur Duldsamkeit ermahnt werden.

Unter den Gegnern der Radikalen befinden sich viel mehr Fanatiker, das heißt: Menschen, die unfähig sind, Anschauungen anderer Menschen unbefangen zu prüfen, und die alle Verdienste der

anderen leugnen und über deren Beweggründe gehässig und ungerecht urteilen, als unter den Radikalen. Sie stellen die Radikalen als unwissende, weltfremde Toren hin, die nicht die Bedürfnisse ihrer Zeit erkannt und nicht aus der Geschichte gelernt hätten, daß nur durch weise Mäßigung und

durch Anpassung an die gegenwärtigen Verhältnisse ein Fortschritt erzielt werden könne. Sie selber

haben aber viel weniger als die meisten Radikalen aus der Geschichte gelernt; sonst würden sie nicht so oft voreilig eine neue Forderung als ganz unerfüllbar erklären. Wie iele Ziele, die zuerst als

unerreichbar hingestellt wurden, wurden nach wenigen Jahrzehnten erreicht!

Die Gegner des Radikalismus bezeichnen jede Forderung, deren Erfüllung nicht in absehbarer Zeit

zu erwarten ist, als eine „Übertreibung“ und behaupten, nichts schade einer guten Sache mehr

als die Übertreibung. Übertrieben darf man aber nur solche Forderungen nennen, die gegen die Grundsätze der Gerechtigkeit verstoßen. Wenn z. B. zum Wohle einer Menschenklasse Gesetze verlangt werden, durch welche die Rechte anderer Menschen verletzt werden würden, oder wenn

behauptet wird, der Mensch dürfe niemals ein Tier töten, so sind das Übertreibungen. Aber eine

Forderung der Gerechtigkeit bloß deshalb übertrieben nennen, weil infolge der Schlechtigkeit oder

der Dummheit der Menschen es schwer ist, ihre Erfüllung zu erwirken, das ist verwerflich. –

Auch manche Bestrebungen, von deren sittlichen Berechtigung sie selber überzeugt sind, suchen die

meisten Gegner d s Radikalismus zu unterdrücken mit dem Einwand: die Menschheit sei für diese

Bestrebungen noch nicht reif und würde über sie nur lachen; wenn man schnell einen großen Fortschritt erzielen wolle, müsse man sich aber vor allem hüten, den Spott der Zeitgenossen zu erregen. In Wahrheit ist gerade diese Furcht vor dem Spott unverständiger oder böswilliger Menschen ein schweres Hindernis jedes Fortschrittes. Für die meisten wichtigen und erfolgreichen Bewegungen unserer Zeit wäre die Menschheit auch heute noch nicht reif, wenn die Vorkämpfer es nicht gewagt hätten, die Wahrheit schon zu sagen, als sie noch verlacht wurde.

Man darf, wie ich schon bemerkt habe, wohl bei gewissen Gelegenheiten, z. B. in Eingaben an die gesetzgebenden Körperschaften, einige Ansichten, von deren Richtigkeit man überzeugt ist verschweigen, wenn man glaubt daß durch radikale Forderungen bei dieser Gelegenheit eine sofort zu erreichende Milderung bestehender Übel verhindert werden würde. Aber auch dann darf ein Kampf um eine edle Sache nicht gänzlich unterdrückt und auch nicht auf spätere Zeiten aufgeschoben werden. In einer Petition, in der die Alkoholgegner das „Gemeindebestimmungsrecht“ zur Einschränkung des Alkoholverkaufs verlangen, brauchen sie nicht zu sagen, daß sie jeden Alkoholgenuß verwerfen; denn dadurch würden sie vielleicht die Erlangung der erforderlichen Anzahl von Unterschriften unter ihre Petition unmöglich machen und auch viele Abgeordnete von Vornherein gegen die Forderung des Gemeindebestimmungsrechtes verstimmen. Aber gleichzeitig müssen die Alkoholgegner in andern Schriften auch ihre radikalen Ansichten aussprechen. Man darf nicht, um einen Teil seiner Forderungen schon in der Gegenwart erfüllt zu sehen, die Erreichung des Ideals verzögern und die ganze Bewegung verflachen lassen.

 

Eine sittliche Forderung müssen wir aussprechen, sobald wir ihre Berechtigung erkennen, auch wenn wir noch gar nicht wissen, wann und mit welchen Mitteln wir ihre Erfüllung erreichen können. Wir werden ein Ideal umso frühe verwirklichen, je früher wir beginnen, ihm zuzustreben und es der Menschheit vorzuhalten. –

Auch wenn wir glauben, daß wir in absehbarer Zeit den Krieg nicht beseitigen können, müssen wir schon heute die Scheußlichkeit des Krieges aufdecken und die völkerrechtswissenschaftlichen Vorarbeiten zur Herstellung einer internationalen Rechtsordnung fördern. Der Völkerfriede wird umso eher gesichert sein, je früher wir den Abscheu vor dem Kriege wecken und den Weg zum Frieden entdecken. –

Wenn die Negersklaverei[i] in Amerika nicht schon in einer Zeit, als sie noch von den meißten Autoritäten für ganz unentbehrlich gehalten wurde, radikal bekämpft worden wäre, wenn man sich damals mit der Forderung begnügt hätte, das Los der Sklaven durch das Verbot der Prügelstrafe usw. zu mildern, so bestände die Negersklaverei in Amerika wahrscheinlich noch heute in wenig gemilderter Form.

 

Die Gegner des Radikalismus neigen dazu, den Erfolg einer ethischen Bewegung sehr zu unterschätzen, wenn es ihr nicht gelungen ist, große Menschenmassen zu gewinnen. Oft wird von

einer kleinen Schar Menschen, die mitten in einer feindlichen Umgebung einem hohen Ideal getreu

leben, mehr Segen gespendet als von vielen Vereinen, die viele Tausende von Mitarbeitern zählen. Durch das Wirken einer kleinen Schar erleuchteter und opfermutiger Menschen können manche Übel, die sie allein nicht beseitigen können, doch sehr gemildert werden; und auch die  Anschauungen und das praktische Verhallen der übrigen Menschen werden durch die Lehre und das Beispiel dieser wenigen beeinflußt.

 

Ja, auch Ideale, die wir in dieser Welt überhaupt nicht erreichen können[2], müssen wir der Menschheit vorhalten, damit die Menschen, welche die Schönheit dieser !deale erkennen können,

sich ihnen so viel wie möglich nähern, und damit der Anblick dieser Ideale ihr inneres Leben verklärt.

 

Eine Zeitschrift für radikale Ethik

ist die seit dem Anfang des Jahres 1912 von dem Verfasser des vorstehenden Aufsatzes herausgegebene Monatsschrift Ethische Rundschau. Diese Zeitschrift will einen Überblick über alle ethischen Bewegungen unserer Zeit gewähren und besonders die radikalen Bestrebungen fördern, die von den andern Blättern wenig unterstützt, oder gar unterdrückt werden. Ferner will die Ethische Rundschau die Ansichten vom Wesen der Moral läutern und vertiefen.

Die Ethische Rundschau wird vielfach anerkannt als die vielseitigste und gediegenste ethische Zeitschrift unserer Zeit.

 

Hervorragende Gelehrte und Führer ethischer Bestrebungen sind Mitarbeiter der Ethischen Rundschau.

Jeder der an irgend welchen ethischen Bestrebungen teilnimmt, sowie jeder der aus wissenschaftlichem

Interesse sich mit Fragen der Ethik beschäftigt, sollte die Ethische Rundschau lesen.

Preis des Jahrgangs 5 Mark. Ein Probeheft und einen Prospekt mit Urteilen angesehener Schriftsteller

über die E. R. versendet kostenfrei der Verlag der Ethischen Rundschau, Berlin W. 15, Düsseldorfer

Strasse 23.

Ein Verein für radikale Ethik

ist die im März 1907 gegründete Gesellschaft zur Förderung des Tierschutzes und verwandter Bestrebungen. Dieser Verein sucht die gesamten ethischen Anschauungen zu läutern und zu verliefen und die gesamte Lebensführung zu veredeln. Die Förderung des Tierschutzes hat er hauptsächlich deshalb zu seiner Hauptaufgabe erwählt, weil der Tierschutz die radikalste Bekämpfung der Rohheit und der Ungerechtigkeit ist. Zu den dem Tierschutz „verwandten Bestrebungen“ zählt die Gesellschaft vor allen die friedensbewegung, den Kinderschutz, den Kampf gegen den Alkoholismus u. s. w. Alle Freunde des Tierschutzes, auch die, welche schon andern Tierschutzvereinen angehören, sollten der „Gesellschaft“ beitreten, deren Tätigkeit sich von der aller andern Vereine in wichtigen Punkten unterscheidet und die eine neue Strömung in der Tierschutzbewegung hervorgerufen hat.

Das Vereinsblatt der Gesellschaft ist die Ethische Rundschau. Alle Mitglieder erhalten diese Zeitschrift und viele andere Schriften, obwohl der geringste Mitgliedsbeitrag nicht höher ist als der Preis der Ethischen Rundschau: 5 Mark jährlich. Probesammlung von Flugblättern (mit Satzung, Schriftenverzeichnis u. s. w.) kostenfrei. Adresse: Gesellschaft zur förderung des Tierschutzes und verwandter Bestrebungen, Berlin W. 15, Düsseldorfer Strasse 23.

[1] Die Gegner der Radikalen werden meistens die „Gemäßigten“ genannt. Ich halte es für einen sprachfehler, mit diesem Wort Personen zu bezeichnen. Gemäßigt können Forderungen, Urteile, Gefühle usw. sein, aber nicht Personen. Auch das Wort „realpolitisch“ sollte nicht zur Bezeichnung des Gegensatz s von „radikal“ angewandt werden; denn auch die Radikalen können und sollen Realpolitiker sein. Ich glaube, es wäre am besten, wenn man die heute gewöhnlich die „Gemäßigten“ genannten Arbeiter für ethische und andere Bestrebungen als die „Gegner des Radikalismus“ oder als die „nur für die nächsten Ziele Kämpfenden“ bezeichnete.

 

[2] Die Ansicht, daß auch die Erkenntnis, daß wir die schlimmsten Übel der Welt nicht beseitigen können, nicht den Trieb zum Wirken lähmt, beabsichtige ich später in einem Aufsatz: über den Pessimismus zu begründen.
Auch beabsichtige ich im Jahre 1914 eine Fortsetzung des vorstehenden Aufsatzes „Über radikale Ethik“ in der Ethischen Rundschau veröffentlichen.

[i] Bitte beachtet, dass dieser Ausdruck aus heutiger Sicht eine Diffamierung darstellt, die so nicht getätigt werden darf! Zur Zeit Schwantjes war dies jedoch ein gängiger, inflationär gebräuchlicher Begriff.